100 Jahre Grob: Im SMM-Interview zum grossen Jubiläum skizziert Wolfgang Ulmer, Managing Director von Grob Schweiz, die Zukunft des heimischen Werkplatzes. Er erklärt, warum Präzisionsmechanik auch künftig das starke Fundament der Industrie bildet, dieses aber zwingend mit neuen, vernetzten Technologien zu einer Einheit verschmelzen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Wolfgang Ulmer, Managing Director der Grob Schweiz AG, sprach mit Nastassja Neumaier, stv. SMM-Chefredaktorin, über 100 Jahre Grob und die Zukunftsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz.
(Bild: Matthias Böhm)
Herr Ulmer, wo sehen Sie die Schweiz technologisch im internationalen Vergleich?
Wolfgang Ulmer: Die Schweiz ist technologisch zweifellos stark aufgestellt, insbesondere wenn es um unsere Kernkompetenzen wie Präzision, den klassischen Maschinenbau und die angewandte Forschung geht. Aber wir dürfen uns auf diesen Lorbeeren auf keinen Fall ausruhen. Wir beobachten, dass andere Länder bei der Skalierung neuer Technologien ein deutlich höheres Tempo an den Tag legen. Wenn wir in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), Software-Engineering und bei durchgängig datengetriebenen Prozessen nicht zulegen, laufen wir Gefahr, langfristig an Dynamik zu verlieren.
Was sind für Ihre Schweizer Kunden die wichtigsten Kriterien, wenn sie sich für Investitionen in Technologie aus Ihrem Hause entscheiden?
W. Ulmer: Schweizer Kunden investieren sehr gezielt und fordern einen klaren wirtschaftlichen Nutzen. Die entscheidenden Faktoren sind nach wie vor Zuverlässigkeit, höchste Präzision und absolute Prozessstabilität. Ein Aspekt, der immer wichtiger wird, ist die nahtlose Integration neuer Maschinen in das bestehende digitale Ökosystem des Unternehmens. Darüber hinaus denken viele hiesige Betriebe sehr langfristig: Sie erwarten Lösungen, die nicht nur die aktuellen Anforderungen erfüllen, sondern auch in fünf oder zehn Jahren technologisch anschlussfähig bleiben.
Gibt es Technologien, bei denen Sie sagen würden: «Die müssen wir in der Schweiz beherrschen, sonst verlieren wir langfristig den Anschluss»?
W. Ulmer: Ganz klar: ja. Das betrifft insbesondere die softwarebasierte Automatisierung, KI-gestützte Prozessoptimierungen, digitale Zwillinge und elektrifizierte Antriebstechnologien. Wenn wir es nicht schaffen, diese Kompetenzen im Land aufzubauen und zu halten, verlieren wir mittelfristig sowohl wertvolle Wertschöpfung als auch unsere Innovationsgeschwindigkeit.
Welche Rolle spielen diese Themen in Ihrem eigenen Geschäft?
W. Ulmer: Für uns sind diese Technologien längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern gelebter Alltag. Sie sind essenziell, um Prozesse schneller, stabiler und effizienter zu gestalten – und sie helfen uns massgeblich dabei, Risiken im Vorfeld zu minimieren.
Wird in der Schweiz genug in diese industriellen Schlüsseltechnologien investiert?
W. Ulmer: Es wird durchaus gut investiert, aber aus meiner Sicht geschieht das nicht schnell genug. Wir haben eine exzellente Forschungslandschaft, doch der Transfer in die industrielle Umsetzung dauert zu lange. Was wir brauchen, ist mehr Mut auf Unternehmensseite, eine höhere Bereitschaft für Pilotprojekte und letztlich deutlich mehr Geschwindigkeit in der Adaption.
Besteht die Gefahr, dass die industrielle Umsetzung zunehmend ins Ausland abwandert?
W. Ulmer: Diese Gefahr ist absolut real. Wenn wir nicht konsequent in unsere Produktionskapazitäten und vor allem in unsere Fachkräfte investieren, wird es kritisch. Nur Technologien zu entwickeln, ohne sie hier industriell in die Breite zu tragen, ist langfristig einfach zu wenig, um den Standort zu sichern.
Wie investieren Sie in die Skalierung von Innovation am Standort Schweiz?
W. Ulmer: Wir setzen auf eine kleine, aber sehr feine und vor allem enge Zusammenarbeit mit ausgewählten Hochschulen, Instituten und Start-ups. Wir sind der festen Überzeugung: Echte Innovation entsteht nicht isoliert im Labor, sondern im permanenten Austausch mit der industriellen Praxis.
Wo stehen Schweizer Industriebetriebe bei der Automatisierung und Digitalisierung?
Wolfgang Ulmer, Managing Director der Grob Schweiz AG: «Die wirklich grosse Hebelwirkung für Produktivität und Effizienz entsteht erst dann, wenn alle Systeme und Prozesse miteinander verbunden sind.»
(Bild: Matthias Böhm)
W. Ulmer: Das Bild ist heterogen. Viele Betriebe sind bereits sehr weit fortgeschritten, andere hinken noch hinterher. Die mit Abstand grösste Lücke sehen wir aktuell in der durchgängigen Datenintegration. Der Betrieb von Insellösungen reicht im heutigen Wettbewerb schlicht nicht mehr aus. Die wirklich grosse Hebelwirkung für Produktivität und Effizienz entsteht erst dann, wenn alle Systeme und Prozesse miteinander verbunden sind. Der Trend geht also ganz klar in Richtung durchgängig digitaler Prozessketten.
Der Maschinenbau wird zunehmend softwaregetrieben. Verschiebt sich die Wertschöpfung?
W. Ulmer: Ja, das lässt sich deutlich beobachten. Software gewinnt entlang der gesamten Wertschöpfungskette deutlich an Bedeutung. Der grösste Mehrwert entsteht heute nicht mehr durch die Mechanik allein, sondern durch das perfekte Zusammenspiel von Mechanik, Elektronik und Software. Digitale Services, Datenanalysen und KI sind längst zwingende Ergänzungen zur klassischen Maschine. Kunden erwarten vernetzte, automatisierte und intuitiv bedienbare Produktionslösungen. Die Hardware bleibt zwar das starke Fundament, aber entscheidend für den Erfolg ist die intelligente Integration aller Komponenten. Das ist auch der Grund, warum sich Grob heute zunehmend als Anbieter ganzheitlicher Produktionslösungen versteht und nicht als reiner Maschinenbauer.
Welchen Wert hat das klassische Maschinenbau-Know-how in Zukunft?
W. Ulmer: Präzisionsmechanik und eine hohe Fertigungskompetenz sind und bleiben absolute Kernkompetenzen. Ohne eine exzellente maschinelle Basis kann selbst die intelligenteste Software ihr Potenzial nicht entfalten. Zukunftsfähigkeit entsteht genau dort, wo wir traditionelle Ingenieurskunst mit Digitalisierung verbinden. Die Bereiche Mechanik, Software und Automatisierung dürfen nicht isoliert voneinander betrachtet werden, sondern müssen gemeinsam entwickelt werden, denn Prozess- und Anwendungskompetenz bleibt ein wichtiges Differenzierungsmerkmal. Das Know-how des Maschinenbauers oder der Maschinenbauerin wird also nicht ersetzt, sondern massiv erweitert.
Stand vom 30.10.2020
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group AG, Seestrasse 95, CH-8800 Thalwil, einschließlich aller mit ihr verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de/de/smm abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Genau dieses erweiterte Know-how fliesst auch in Ihre aktuellen Entwicklungen ein. Ein Highlight ist in diesem Jahr die Premiere des 5-Achs-Fräsportals «GP1350». Wo sehen Sie für diese Maschine den grössten Nutzen in der Schweiz?
Christian Müller, Mitglied der Grob-Geschäftsführung, präsentierte die Weltpremiere «GP1350» anlässlich der Hausausstellung 2026. Das 5-Achs-Fräs-Portal-Bearbeitungszentrum ist auch auf der AMB in Stuttgart vom 15. bis 19. September zu sehen.
(Bild: Nastassja Neumaier)
W. Ulmer: Die «GP1350» ist unsere Antwort auf die steigenden Anforderungen an die präzise Bearbeitung grosser und komplexer Werkstücke – und das auf einer vergleichsweise geringen Stellfläche, was die Maschine hochgradig wirtschaftlich macht.
Wir zielen damit auf Branchen ab, die höchste Ansprüche an Präzision, Produktivität und Flexibilität stellen. In der Schweiz ist das beispielsweise die Luft- und Raumfahrtindustrie mit ihren Strukturbauteilen und komplexen Leichtbaukomponenten, aber auch der allgemeine Maschinenbau mit seinen grossen Präzisionsbauteilen und Maschinenkomponenten sowie der Werkzeug- und Formenbau, wo komplexe Geometrien gefragt sind. Auch in der Energietechnik mit ihren hohen Qualitäts- und Genauigkeitsanforderungen sehen wir grosses Potenzial.
Der grosse Vorteil der «GP1350»: Die 5-Achs-Technologie ermöglicht die Komplettbearbeitung in einer Aufspannung, was Rüst- und Umspannzeiten drastisch reduziert. Mit bis zu 408 Werkzeugplätzen, einem sehr dynamischen Werkzeugwechsel und extrem leistungsstarken Spindeln ist sie prädestiniert für die produktive Mehrschicht- und Serienfertigung.
Dank unseres «Ready4Automation»-Konzepts lässt sie sich ausserdem nahtlos in automatisierte Umgebungen einbinden, sei es mit Palettenwechslern, Palettenspeichern oder Robotersystemen.
Grob ist stark im Bereich E-Mobilität aktiv. Wie gross ist dieser Markt in der Schweiz?
W. Ulmer: Die Schweiz ist traditionell kein Produktionsstandort für E-Mobilität. Dafür ist sie aber ein bedeutender Entwicklungs- und Technologiehub. Viele Schweizer Unternehmen agieren als unverzichtbare Zulieferer, die Schlüsselkomponenten, Präzisionsfertigung und Engineering-Dienstleistungen für internationale E-Mobilitätsprogramme liefern. Dieser Markt wächst kontinuierlich und bietet sehr attraktive Nischen für hochpräzise Fertigungslösungen.
Wo genau entstehen hier neue Chancen für den Werkplatz Schweiz?
W. Ulmer: Die grossen Chancen liegen in der Fertigung von anspruchsvollen Bauteilen – etwa Komponenten für elektrische Antriebe, Batteriemodule oder Leistungselektronik. Die Schweizer Industrie kann immer dort punkten, wo kompromisslose Qualität, absolute Zuverlässigkeit und tiefes Engineering-Know-how gefordert sind.
Grob feiert dieses Jahr 100-jähriges Jubiläum. Welche Entscheidung aus der Vergangenheit war im Rückblick die wichtigste?
W. Ulmer: Das war zweifellos unsere sehr konsequente Internationalisierung gepaart mit dem Aufbau eines starken, globalen Produktions- und Servicenetzwerks. Ebenso entscheidend waren unsere frühzeitigen Investitionen in Automatisierung und innovative Fertigungstechnologien sowie die kontinuierlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Dadurch konnten wir unsere Geschäftsfelder erfolgreich diversifizieren, wie etwa der erfolgreiche Einstieg in die Elektromobilität und Batteriefertigung zeigt.
Und welche Weichen stellen Sie heute, damit Grob auch in den nächsten 100 Jahren relevant bleibt?
W. Ulmer: Wir bauen unsere Digitalisierungs- und Softwarekompetenz weiter aus, treiben KI und datenbasierte Optimierungen voran und entwickeln nachhaltige, energieeffiziente Fertigungslösungen. Genauso wichtig ist aber der Faktor Mensch: Wir müssen auch künftig die besten Fachkräfte gewinnen und langfristig qualifizieren. Wenn wir unsere Innovationskraft und unsere weltweite Kundennähe beibehalten und flexibel auf neue Märkte und technologische Veränderungen reagieren, sind wir für das nächste Jahrhundert hervorragend aufgestellt.
Teil der Erfolgsgeschichte werden
Das Team von Grob Schweiz sucht Verstärkung im Bereich Vertrieb und Expresstechnik.
Jetzt bewerben: Wolfgang Ulmer, Leiter Niederlassung, Grob Schweiz AG Wolfgang.Ulmer@grobgroup.com