Hans Marfurt im SMM-Interview Lean-Management ist Trumpf

Redakteur: Luca Meister

>> Trumpf beschäftigt in der Schweiz mittlerweile über 800 Mitarbeiter an zwei Standorten: Baar und Grüsch. Dank eigener Laserentwicklung steht das Unternehmen technologisch und wirtschaftlich absolut top da. Hans Marfurt, Geschäftsführer der Trumpf Maschinen AG, sieht die Zukunft des Werkplatzes Schweiz durchaus positiv.

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Hans Marfurt vor dem Trumpf-Hauptgebäude in Baar: «Ohne die Verbesserungen mittels Lean-Management hätten wir unser Wachstum und den viel höheren Ausstoss nicht erreicht.»
Hans Marfurt vor dem Trumpf-Hauptgebäude in Baar: «Ohne die Verbesserungen mittels Lean-Management hätten wir unser Wachstum und den viel höheren Ausstoss nicht erreicht.»
(Bild: Thomas Entzeroth)

SMM: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage auf dem Werkplatz Schweiz, mit Fokus auf Ihren Geschäftsbereich?

Hans Marfurt: Die Schweizer Maschinenindustrie hat den starken Franken noch nicht ganz verdaut.

Es ist eine grosse Herausforderung, Schweizer Produkte, die im Ausland durch die Währungsaufwertung um bis zu 20 Prozent teurer geworden sind, zu verkaufen. Doch gesamthaft betrachtet wird die Schweizer Industrie auf längere Sicht dadurch wettbewerbsfähig bleiben.

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Wie geben Sie den Franken-Euro-Wechselkurs als Importeur weiter?

H. Marfurt: Unsere Kunden konnten bei uns in den all den Jahren nie so günstig Maschinen und Laser einkaufen.

Obwohl wir auch in der Schweiz Laserschneidmaschinen und Laserbeschrifter sowie weitere Produkte produzieren, haben wir die Preise den neuen Wechselkursverhältnissen angepasst.

Sie entwickeln und produzieren Ihre Laser selbst. Welche Rolle spielt die Lasertechnologie für Trumpf?

H. Marfurt: Die Lasertechnologie ist für uns von überragender Bedeutung. Deshalb sind wir als einziger Hersteller weltweit auf der ganzen Breite und Tiefe der Lasertechnologie präsent. Von den Laserdioden über die Laserstrahlquellen bis hin zu den Optiken und dem Laserlichtkabel entwickeln und produzieren wir sämtliche Laserkomponenten im eigenen Haus. Dieses Know-how im Bereich der Lasertechnologie ist für uns ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. In Kombination mit unserem Wissen im Maschinenbau und im Bereich Software können wir unseren Kunden die beste Lösung im Markt anbieten, weil alles aus einer Hand kommt.

Wenn man in das Innere Ihrer Laserstrahlquellen schaut, hat man das Gefühl, hier steckt Weltraumtechnik drin …

H. Marfurt: … So habe ich das noch nie betrachtet. Das Innere eines Laserresonators ist tatsächlich ein technisches Wunderwerk.

Wie viel investiert Trumpf in die Entwicklung?

H. Marfurt: Innovation bedingt Investition. Wir investieren im langjährigen Durchschnitt acht Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung, im letzten Jahr waren das 211 Millionen Euro oder neun Prozent des Umsatzes. Mit 1430 Mitarbeitenden arbeiten über 14 Prozent unserer Mitarbeiter weltweit in der Forschung und Entwicklung.

Wo liegen die Stärken des Schweizer Industriestandorts?

H. Marfurt: Die Schweiz verfügt über ein ausgezeichnetes Angebot an qualitativ hochstehenden Zulieferunternehmen. Darüber hinaus sind es natürlich die sehr gut ausgebildeten Fachkräfte, welche die Entwicklung und Herstellung hochwertiger Produkte erlauben. Ein weiterer wichtiger Baustein sind die ausgezeichneten (Fach-)Hochschulen. Schliesslich gelten die hohen Qualitätsansprüche, die wir selber hegen, international als wichtiger Faktor.

Welche Tendenzen technologischer und wirtschaftlicher Art sind im Blech-Sektor erkennbar?

H. Marfurt: Auf der Blechexpo in Stuttgart stellten wir im November letzten Jahres unser neuestes Verfahren «BrightLineFiber» auf Flachbettlasermaschinen vor. Seither hat sich in der Nachfrage einiges getan: Lag das Verhältnis von Festkörper- zu CO2-Laser vor einem Jahr noch bei 20 zu 80 Prozent, liegt es jetzt bereits bei 50 zu 50. Dass Laserapplikationen mit Festkörperlasern auch im Dickblech mit vergleichbarer Qualität möglich sind, fand grosses Interesse. Die neuen Möglichkeiten mit dem Festkörperlaser bringen vielen Kunden Vorteile, sei es bei der Energieeffizienz oder der Bearbeitung von Buntmetallen. Geschätzt wird sowohl die sehr hohe Produktivität im Dünnblechbereich von ein bis fünf Millimeter Dicke als auch die immer noch hohe Teilequalität im Dickblechbereich. Die Schnittkanten sind von hoher Qualität. Gegenüber bisherigen Fiber-Lasern ist dies ein Quantensprung.

Nimmt deshalb der Stellenwert des CO2-Lasers ab?

H. Marfurt: Zum Teil ja, aber dickere Materialien werden nach wie vor auf unseren CO2-Laseranlagen bearbeitet. Auch hier gibt es Neuigkeiten zu verzeichnen: So verbrauchen unsere neuen CO2-Laser der «TruFlow»-Reihe 30 Prozent weniger Energie als ihre Vorgängermodelle. Die Anschaffungskosten für eine Maschine sind für beide Technologien praktisch gleich. Der Kunde hat somit bei uns die Wahl, sich zwischen einer der beiden oder für beide Laseranlagen zu entscheiden – letztendlich sind es seine Anwendungen und Teilespektren, welche die Wahl bestimmen.

Welchen Vorteil haben die Festkörperlaser?

H. Marfurt: Neben ihrer tausendfach bewiesenen Robustheit und Tauglichkeit in der Automobilindustrie, der hohen Brillanz und ihrer höheren Energieeffizienz sowie der Bearbeitung von Buntmetallen ermöglichen sie weitere Verfahren. Weil unsere Festkörperlaser mit bis zu sechs Abgängen versehen sind, könnten sie nebst der Versorgung von Laserschneidmaschinen auch für das Laserschweissen eingesetzt werden.

Sie setzen schon länger auf Lean-Management. Was haben Ihnen diese Methoden gebracht?

H. Marfurt: 1998 sind wir mit «Synchro», der Trumpf-Lean-Management/Produktion, gestartet. Je nach Bereich konnten wir unsere Produktivität verdoppeln. Dabei haben wir keine Arbeitsplätze abgebaut, wie anfangs von einigen Mitarbeitern befürchtet wurde. Wir haben unseren Mitarbeitern bei der Einführung versprochen, sie weiterhin zu beschäftigen. Freigesetzte Mitarbeiter konnten – nach entsprechender Ausbildung – neue Funktionen übernehmen. Aufgrund des enormen Wachstums konnten wir sogar zusätzlich neue Mitarbeiter einstellen.

Wie sähe es ohne Lean-Management heute aus?

H. Marfurt: Ohne die Verbesserungen mittels Lean-Management hätten wir unser Wachstum und den viel höheren Ausstoss nicht erreicht beziehungsweise die Lieferzeiten wären viel zu lang geworden. Ein weiterer wichtiger Vorteil war, dass wir räumliche Erweiterungen nicht im selben Masse vornehmen mussten.

Sie setzen nicht nur intern auf Lean-Management, Sie beraten auch Ihre Kunden und Zulieferer. Wie profitieren Ihre Partner davon?

H. Marfurt: Wir bieten unseren Geschäftspartnern kompetente Beratung im Lean-Management als eine Art Zusatzleistung an. Viele Kunden und Lieferanten stellten bei uns schon vor zehn Jahren erkennbare Effizienzsteigerungen in der Produktion und Administration fest, herbeigeführt durch unser Lean-Management. Seither wünschen viele von ihnen ausdrücklich unsere Unterstützung für ihre Betriebe. Sehr wichtig dabei ist, dass solche Projekte von Anfang an von der Geschäftsleitung dieser Unternehmen unterstützt werden.

Dank Lean-Massnahmen konnten einige unserer Lieferanten ihre Produktivität um bis zu 30 Prozent steigern. Damit stärken wir deren Position im Wettbewerb und profitieren unsererseits von besseren Konditionen. Diese Kooperationen stellen also für beide Seiten eine Win-win-Situation dar.

Trumpf bietet ihren Kunden regelmässig Workshops im Bereich «Konstruieren in Blech» an. Was wird hier vermittelt?

H. Marfurt: Blechkonstruktionen bieten vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. In einigen Fällen können zum Beispiel Schweissprozesse durch Biegeprozesse ersetzt werden. Dies hat einige Vorteile: Die Baugruppe besteht nur noch aus wenigen Teilen, Funktionsaufgaben können perfektioniert werden – zum Beispiel das Integrieren von zwei Haltern in einen Winkel, es entsteht keinerlei Verzug durch Schweissen und je nach Material, etwa bei einem Chrom-Nickel-Stahl, ist keine Oberflächenbehandlung erforderlich. Mit solchen Konstruktionsoptimierungen kann, je nach Teil, eine Kostenreduzierung von bis zu 85 Prozent erreicht werden.

Wie sieht das konkret in Ihrem Alltag aus?

H. Marfurt: Die Entwickler der Kunden kommen im Normalfall mit ihren Problemstellungen, meistens geht es um Kostenoptimierungen, zu uns. Die Teilegestaltung hat bei diesen Beratungen einen zentralen Stellenwert. Wenn die Entwickler bei uns die Optimierung von A bis Z selber mitgestaltet haben, können sie vergleichbare Problemlösungen später in ihren Unternehmen selber umsetzen. Generell besteht beim Thema Blechumformung in der Praxis, aber auch an Hochschulen ein grosser Nachholbedarf. Viele moderne Gestaltungsmöglichkeiten zeigt zum Beispiel unser Buch «Faszination Blech».

Trumpf hat auch in China einen Produktionsstandort. Was wird dort hergestellt? Haben Sie, generell betrachtet, keine Probleme mit Nachahmungen und Produktkopien?

H. Marfurt: In China produzieren wir lediglich einfachere Komponenten und montieren Maschinen für den chinesischen Markt. Die Entwicklung und Produktion von Kernkomponenten findet nach wie vor aufgrund unserer hohen Qualitätsansprüche in Europa statt.

Haben Sie keine Angst, dass Ihre Technologie kopiert wird?

H. Marfurt: Wer unsere Laser und Maschinen kopieren möchte, kann das versuchen. Es steckt jedoch derart viel Prozess- und Entwicklungs-Know-how in unseren Systemen, dass dies nicht ohne weiteres möglich ist. Darüber hinaus gilt: Die ständige Innovation ist immer noch der beste Schutz vor «Raubkopien».

Wie kann mit Ihren Maschinen noch schneller produziert werden?

H. Marfurt: Sie können mit unseren Laseranlagen heute 50 Millimeter dicke Edelstahlteile in Rekordzeiten schneiden. Bis vor etwa vier Jahren lautete die Devise: immer schneller und stärker. In Zukunft werden sich die Anforderungen aber verstärkt auf das Produktionsumfeld verlagern. Unsere Maschinen sind derart schnell, dass das Be- und Entladen zum Engpass wird. Bei unseren Kunden liegt das grössere Potenzial zusehends in den Bereichen des Warenflusses respektive der logistischen Abläufen. Aber auch dazu gibt es Lösungen.

Fachkräfte zu rekrutieren ist für viele Schweizer Unternehmen ein Problem. Wie sieht es bei Ihnen aus?

H. Marfurt: Wir haben keine Mühe, gut ausgebildete Fachleute zu finden. Das führen wir auf mehrere Gründe zurück: Unsere Position als Marktführer, das attraktive technologische Umfeld, das positive Image unserer Firma sowie die Möglichkeit, Arbeitsplätze mit sehr interessanten und herausfordernden Aufgaben bieten zu können.

Wie sehen Sie die Zukunft des Werkplatzes Schweiz?

H. Marfurt: Aus meiner Sicht ist der Schweizer Markt trotz der hohen Lohnkosten im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig, insbesondere dank seinen qualitativ höchsten Ansprüchen genügenden Produkten und den motivierten Fachkräften. Was viele Unternehmen jedoch weiterhin belastet, sind die durch die bereits angesprochene Wechselkursdifferenz entstandenen Kostennachteile. Hier muss das zum Teil vorhandene Optimierungspotential noch weiter ausgeschöpft werden, Stichwort Lean-Management oder auch Automatisierung.

Wir bei Trumpf können unseren über 800 Mitarbeitern, inklusive den über 60 Lernenden, gute Rahmenbedingungen bieten, die motivieren. Daher sind wir sehr zuversichtlich. So haben wir am Produktionsstandort Grüsch, wo rund 550 Mitarbeiter beschäftigt werden, neulich 17 Millionen Franken in einen Neubau u. a. mit Reinraumbereich investiert. Auch für unser Stammhaus in Deutschland sind wir trotz des höheren Schweizer Lohnniveaus nach wie vor ein attraktiver Standort. <<

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